Das Internet ist bekanntlich voller überteuerter Schwachsinnsprodukte, die mit Hilfe pseudowissenschaftlichen Gefasels für teures Geld an Leichtgläubige vertickert werden.
Heute allerdings hat mir unser Chefredakteur einen ungewöhnlichen Fall vorgelegt, damit ich für die April-Ausgabe der Nachrichten ein paar Zeilen darüber schreibe. Der Vermarkter des Produkts hat es nämlich geschafft, sein pseudowissenschaftliches Gefasel in einer Publikation unterzubringen, die für sich in Anspruch nimmt, Qualitätsjournalismus zu produzieren.

Nachdem schon kürzlich bei Begrenzte Wissenschaft eindrucksvoll demonstriert wurde, wie leicht sich Wissenschaftsjournalisten von einer nett klingenden Pressemitteilung an der Nase herumführen lassen, zeigt dieses Beispiel nun, wie viel Ahnung man bei der New York Times haben muss, um über Wissenschaft schreiben zu dürfen: Null.

Es geht um die erste photokatalytische Zahnbürste der Weltgeschichte.

Die Zahnbürste benötigt nach Angaben des Herstellers, der Shiken Corporation aus Osaka, keine Zahnpasta, sondern nutzt die katalytische Aktivität von Titandioxid (TiO2), um durch eine chemische Reaktion Zahnbelag zu zersetzen. Das klingt eindrucksvoll, und der Journalist die Journalistin Joyce Cohen hat letzten November in der New York Times darüber geschrieben. Das erheiternd-erbärmliche Resultat wurde eine Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung in einer Beilage selbiger veröffentlicht und landete auf diese Weise auf meinem Schreibtisch.

Das Titandioxid prinzipiell in der Lage ist, organische Materie photokatalytisch zu zersetzen, ist keine neue Erkenntnis. Lichteinwirkung setzt in dem Material bewegliche Ladungsträger frei (Elektronen und Löcher – die Plätze, an denen vorher Elektronen saßen, verhalten sich genau so wie die freien Elektronen). Die erzeugen an der Oberfläche der TiO2-Kristalle Radikale, die organische Verunreinigungen zerstören können. Man kann Oberflächen deswegen mit Nanopartikeln aus Titandioxid beschichten, damit sich auf ihnen kein Schmutz ablagert. Den Effekt bezeichnet man als photokatalytische Selbstreinigung.

Die Sache hat allerdings einen kleinen Haken: In der Zahnbürste ist das Titandioxid nicht irgendwo an der Oberfläche der Borsten, sondern gut verstaut im Griff, wo es keinen Schaden anrichten kann.

Im Gegensatz zu Joyce Cohen, die bar jeder Skepsis, Recherche oder Sachkenntnis den pseudowissenschaftlichen Marketingtext des Herstellers abschreibt und in der Folge den größten Schwachsinn verzapft, die ich seit langem in einer angeblich seriösen Zeitung gelesen habe.[1]

"Licht, das auf den Titandioxid-Stab im Griff scheint, erzeugt dort negativ geladene Elektronen", schreibt sie. Ohne dass eine Spannung anläge, gelangen diese Elektronen dann irgendwie zum Zahnbelag, wo sie, in den Worten von Times-Autorin Cohen, "Positiv geladene Ionen des Zahnbelags stehlen und so Oxidation verursachen." Damit ist auch gleich klar, dass Cohen nicht mal ansatzweise weiß, wovon sie spricht. Denn das, was sie hier beschreibt, ist das Gegenteil einer Oxidation, nämlich eine Reduktion.

Und welche Ionen stehlen die Elektronen da weg? Der beigefügten Grafik entnehmen wir, dass es sich bei den eingefangenen Ionen um Wasserstoffionen (H+) handeln soll. Das kennt man, das bezeichnet man normalerweise als Wasserelektrolyse und man braucht dazu eine Spannung von etwa zwei Volt.

Entfernt man H+, das sollte der durchschnittliche Reporter eigentlich wissen, erhöht sich der pH-Wert und die Lösung wird alkalisch. Ab einem bestimmten Punkt werden alkalische Lösungen recht unangenehm, wie jeder bestätigen kann, der noch die gute alte Kernseife in die Augen gekriegt hat. Es hat seinen Grund, warum heutige Seifen allesamt pH-neutral sind. Alkalisch sind heutzutage bestenfalls Rohrreiniger.

Die Zahnbürste würde also, so sie denn funktionierte, für den geneigten Zähneputzer einige Unannehmlichkeiten mit sich bringen, andererseits aber auch garantiert allen kariesverursachenden Bakterien den Garaus machen. Immerhin.

Ein weiterer interessanter Nebenaspekt der ganzen Sache: Wasserstoffionen und Elektronen ergeben zusammengenommen Wasserstoff, der mit Luft ein explosives Gasgemisch bildet. Dass Cohen ihre Leser nicht ausdrücklich auffordert, beim Zähneputzen einigen Abstand zu Zündquellen wahren, ist so gesehen nachgerade fahrlässig. Es ist außerdem bemerkenswert, dass es der Autorin nicht in den Sinn kommt, mal danach zu fragen, warum das tolle Prinzip nicht schon längst für die verzweifelt gesuchte stromfreie Wasserstoffgewinnung eingesetzt wird, wenn es doch so einfach ist. Aber man kann ja nicht alles haben.

Es wird aber noch besser, sprich: bizarrer. Es heißt schließlich "photokatalytisch", also braucht man Licht dazu. Cohen zitiert den Einzelhändler Nick Raviotti, einem großen Fan der neuen Bürste, er leuchte deswegen beim Zähneputzen mit dem Gerät mit einer Schreibtischlampe in seinen Mund. Der seltsam säuerliche Nachgeschmack seiner Lieblings-Salsa sei seither verschwunden, was er auf die Zahnbürste zurückführt.

Möglicherweise liegt das aber eher an verbesserten Lebensmittelkontrollen, denn mit einer normalen Glühbirne funktioniert das Prinzip definitiv nicht: Die Bandlücke von Anatas, der für die Photokatalyse am besten geeigneten Variante des Titandioxids, beträgt etwa 3,2 Elektronenvolt, was einer Lichtwellenlänge von 390 Nanometern entspricht, die nötig ist um Elektronen in Bewegung zu setzen. Das ist bereits ultraviolette Strahlung, Herr Raviotti sollte also besser eine UV-Lampe verwenden, was bei drei Mal täglich Zähneputzen sicherlich auch seinem Teint zugute käme.

Das empörendste an der ganzen Geschichte ist der Preis: 30 Dollar soll das Produkt im Handel kosten. 30 Dollar! Mindestens das Zehnfache einer normalen Zahnbürste. Dass das blanker Beschissgeringfügig überteuert ist, erkennt man schon daran, dass Titandioxid ab Fabrik etwa 2-3 Euro kostet – pro Kilo.[2] Es handelt sich also um ein klassisches Abzocker-Produkt, was Joyce Cohen nicht daran gehindert hat, einen Jubelartikel darüber zu schreiben.

Wenn man sein Glück trotzdem mit der photokatalytischen Selbstreinigung versuchen möchte, kann einfach Sonnenmilch mit hohem Lichtschutzfaktor, die ja auch Titandioxid in größeren Mengen enthält, anstelle von Zahnpasta verwenden. Genauso gut wie die photokatalytische Zahnbürste pflegt man die Zähne auf die Weise allemal.
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[1] Abgesehen von den Politikseiten natürlich, und da sind es die Zitate.

[2] Bulk-Preis 2200-2300 Euro pro Tonne, CFR. Quelle: InkWorld Marktübersicht Pigmente