Freitag und Samstag fand in Heidelberg die Abschlussveranstaltung des angekündigten Blockseminars von Michael Blume statt, bei dem ich auch mitgewirkt habe. Vorneweg schon mal gesagt, es war ein sehr unterhaltsames und erhellendes Wochenende.
Ich muss heute noch einen anderen Artikel fertig machen, deswegen hier nur eine grobe Zusammenfassung. In den nächsten Tagen gehe ich dann in die Details.
Das Seminar war keine Pflichtveranstaltung, deswegen hielt sich die Teilnehmerzahl auch in Grenzen. Ich glaube, alles in allem waren wir neun Leute, Michael und mich eingeschlossen. Mir war das eigentlich ganz recht, weil man in kleineren Gruppen besser diskutieren kann. Michael war allerdings ein bisschen enttäuscht von der Teilnehmerzahl und hat mich dann auch gleich vorgewarnt, dass er für die Qualität der Beiträge nicht garantieren könne. Das hat sich dann als unnötig herausgestellt, die Beiträge der Studenten waren durchgehend ziemlich gut.
Die Aufgabenstellung war ja, wie angekündigt, „Religionswissenschaftliche Präsentationen zur Evolution der Religion“, den gewissen Interpretationsspielraum, den das offen lässt, haben die einzelnen Gruppen denn auch ausgiebig genutzt. In Medium, Inhalt und Zielsetzung der Präsentationen entwickelten die Teilnehmer jedenfalls eine bemerkenswerte Kreativität.
Die Spanne der Beiträge reichte denn auch von einer eher grundsätzlichen Feststellung der Bedeutung religiöser Rituale für die Existenz einer Stammesgemeinschaft bis hin zu einem leider nur fragmentarischen Vortrag über die Dor Yeshorim-Bewegung, eine orthodoxe jüdische Organisation, die eine Gendatenbank führt, um das unter aschkenasischen Juden früher recht verbreitete Tay-Sachs-Syndrom unter Kontrolle zu kriegen. Entsprechend unterschiedlich war auch die jeweilige Behandlung des naturwissenschaftlichen Aspekts, der mich persönlich natürlich besonders interessiert hat.
Mein Lieblingsbeitrag der Veranstaltung ist ein Comic im South-Park-Stil, der sich mit Religion als Gegenstand der sexuellen Selektion befasst. Aufhänger ist die Gretchenfrage aus Faust I, einen Überblick über die Grundidee findet man in Michaels Blog:
Die evolutionsbiologische These, frei nach Mephistopheles, also lautet: Mit der Gretchenfrage testen (vor allem, aber nicht nur) Frauen, biologisch klug, seit Jahrzehntausenden auch die Bindungsqualität potentieller Partner.
Es sei allerdings angemerkt, dass ich von der Vermutung, die Gretchenfrage sei im Kern ein Treue-Test, nicht überzeugt bin. Die Annahme, der Reproduktionserfolg der Frau sei von der sexuellen Treue des Mannes abhängig, scheint mir empirisch nicht belegt zu sein. Im Gegenteil, wenn der Fortpflanzungserfolg von der Treue abhinge, wäre die Menschheit wahrscheinlich längst ausgestorben. Ich bevorzuge da die einfachere Erklärung, die ich ja auch schon in meinem Beitrag über Entenpenisse aufgebracht habe: Weibchen erhöhen generell ihren Reproduktionserfolg, wenn sie die Reproduktionskosten für die Männchen maximieren, unabhängig vom sonstigen Sozialverhalten.
Lesenswert ist der Comic natürlich trotzdem, ich hoffe, ich bekomme ihn bald in die Finger und kann ihn hier reinstellen. Der Haken an der Sache war natürlich, dass sich so ein Info-Comic nicht so richtig gut für eine Seminar-Präsentation eignet. Die Referenten Chris und Kathrin haben stattdessen eine kurze Making-of-Einführung gemacht und ihr Werk dann mit verteilten Rollen vorgetragen. Sehr unterhaltsam.
Ich bin vor allem sehr angetan vom hohen Niveau der Beiträge und der Diskussionen. Es besteht, das ist zumindest mein Eindruck, reges Interesse an naturwissenschaftlichen Ansätzen für kulturwissenschaftliche Fragestellungen.
Ich werde auf jeden Fall in den nächsten Tagen noch ein paar andere Beiträge näher vorstellen und einige Details aus den Diskussionen aufgreifen, sobald ich ein paar der Präsentationen zur Hand habe. Der Beitrag über die Dor Yeshorim wird außerdem, so ist es geplant, Ausgangspunkt eines religionswissenschaftlichen Podcasts werden. Wenn es soweit ist, kündige ich das natürlich auch an.
Morgen dann ein paar Gedanken zum interdisziplinären Aspekt der Veranstaltung.

Hört sich nach einem tollen Wochenende an. Ich bin echt gespannt auf das Comic.