Unausgereifte Gedanken im Bummelzug zwischen Heidelberg und Frankfurt zum Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaften
In den Wissenslogs schrieb der Philosophieprofessor Michael Pauen im November über die Sache mit den „zwei Kulturen“ von Geistes- und Naturwissenschaften:
Auch die interessantesten empirischen Erkenntnisse nützen wenig, wenn man sich nicht darüber zu verständigen weiß, welchen Sinn ihre Anwendung haben soll, welche sozialen Konsequenzen von ihnen zu erwarten sind und welche ethischen Probleme sie aufwerfen.
Und das soll es für die Geisteswissenschaften gewesen sein – die Exegese der Implikationen naturwissenschaftlicher Erkenntnis über die Welt? Wirklich? Am gleichen Ort rechtfertigt auch Wolfram Hogrebe die Geisteswissenschaft aus der Kapitulation heraus. Der Mensch sei "im Programm des Menschenmöglichen in eine Dimension hineingestellt, die kognitiv nicht ganz durchdringbar ist."
Die Geisteswissenschaften also als letztlich unverbindliche Nabelschau im Schlepptau naturwissenschaftlichen Weltverständnisses?
In der Politik hat sich diese Ansicht inzwischen durchgesetzt, wie man am forcierten Sterben der "Orchideenfächer" allerorten unschwer erkennt. Und, mit Verlaub, Hinweise auf den Interpretationsbedarf von Naturwissenschaft oder die Unwissenheit als "sokratischen Adel der Menschheit" (Hogrebe) werden kaum ausreichen, um diesen Trend umzukehren.
Der enorme Erfolg der Naturwissenschaften bei der Beschreibung - und Erklärung - der Welt hat es mit sich gebracht, dass auch Geisteswissenschaftler immer seltener um empirisch gewonnene Ergebnisse herumkommen. Und diese Ergebnisse liefert die Naturwissenschaft - unglücklicherweise nicht wertfrei, sondern bereits eingebettet in ein spezifisches, historisch gewachsenes Weltbild der Naturwissenschaften.
Naturwissenschaftliche Erkenntnis basiert auf Experimenten, die zwar objektiv, aber keinesfalls weltanschaulich neutral sind: Die Auswahl von Experimenten und die Interpretation ihrer Ergebnisse hängt vom Weltbild und von den Erwartungshaltungen der beteiligten Wissenschaftler ab.
Geisteswissenschaftler, die zu moralischen Fragen im Zusammenhang mit Naturwissenschaft und Technik, wie zum Beispiel Stammzellenforschung, Stellung nehmen, betrachten die Welt daher durch eine Brille, die längst nicht mehr ihre eigene ist. Die Konsequenz ist klar: Um eine eigenständige Interpretation experimenteller Befunde schaffen zu können, müssen sie selbst die Agenda vorgeben und einen Korpus empirischer Erkenntnis aus dem Weltverständnis der Geisteswissenschaften heraus schaffen.
In diesem Sinne war mein Trip nach Heidelberg nicht nur ein Ausflug in die Religionswissenschaft, sondern vielleicht auch ein Blick auf die Zukunft der Geisteswissenschaften generell. Die Frage nach der Evolutionsbiologie der Religionen hat das Potential, aus einem nicht-naturwissenschaftlichen Weltverständnis heraus eigenständige empirische Forschungen anzustoßen und auf diese Weise den geisteswissenschaftlichen Werkzeugkasten um das eine oder andere nützliche Instrument zu erweitern.
Das wird jedoch nicht ohne die geistigen Instrumente der Naturwissenschaftler, ganz besonders das Methodenbewusstsein, gehen. Im Seminar ist mir aufgefallen, wie stark ein naturwissenschaftliches Studium die Denkmuster prägt, und vor allem, wie groß der Unterschied in den Denkmustern bei Geistes- und Naturwissenschaftlern ist. Das geflügelte Wort von den zwei Kulturen trifft die Sache jedenfalls und ich bezweifle, dass es damit getan ist, sich hinzusetzen und sich ein paar Experimente auszudenken.
Morgen kommt Teil 2: Naturwissenschaft und Sinn.

"Das geflügelte Wort von den zwei Kulturen trifft die Sache jedenfalls und ich bezweifle, dass es damit getan ist, sich hinzusetzen und sich ein paar Experimente auszudenken."
Das sehe ich genauso. Anstatt sich um eine "gemeinsame" Sprache zu bemühen, gründet jede Disziplin ihre eigene "Forschungsabteilung".Denn nicht nur die Geisteswissenschaftler haben offenbar Probleme, wenn sich Naturwissenschaft mit ihnen "vereinigen" sollte bzw. möchte.
Auch umgekehrt, denkt man z.B. an Manfred Spitzer, welcher in Ulm das Pferd nun von hinten aufzäumt. Ohne zu berücksichtigen, welche Erkenntnisse aus der Unterrichtsforschung und der Lernpsychologie bereits vorliegen, fängt er seine Forschng wieder bei "0" an. Dies ist pure Ressourcenverschwendung und zeigt, wie die eigene "Disziplingebundenheit" den Verstand doch ordentlich vernebeln kann.
Vermutlich stecken hier auch schlichte pekuniäre Gründe dahinter, hat ja nun die Geisteswissenschaft durch den Neurohyper gewaltig an Boden verloren. Auch das ist eine Entwicklung, welche sich durch die "Neurofixierung" wiederum als Flop erweisen könnte....
Wenn ich die angloamerikanischen Quellen so betrachte, dann kann man den Eindruck gewinnen, dass diese Verbissenheit etwas typisch "Deutsches" zu sein scheint. Dabei scheint die Neigung jede wissenschaftliche Studie "vermarkten" zu wollen, während angloamerikanische Quellen deutlich freigiebiger mit ihren Forschungsergebnissen sind, dem Ganzen noch Vorschub zu leisten.