- Zum zweiten Teil: Der Wissenschaftler als Stolperstein der Wissenschaftskommunikation -
Am zweiten Juli findet an der Hochschule Darmstadt den Tag des Wissenschaftsjournalismus statt; zu der Gelegenheit bereiten die Studenten auch eine Arbeit zum Thema Wissenschaftsblogging vor, und haben deswegen Marc Scheloske, mir und dem Vernehmen nach auch anderen Bloggern u.a. von den Scienceblogs, umfangreiche Fragebögen zum Thema geschickt.
Jetzt hat Marc seine Antworten online gestellt (was ich heute also auch tun werde), und es entwickelte sich eine Diskussion entwickelt über die Qualität von Wissenschaftsberichterstattung dreht. Es geht im Kern darum, wie Journalisten als wissenschaftliche Laien Wissenschaft sachlich korrekt und verständlich darstellen können. Und natürlich woran es liegt, dass das so oft nicht funktioniert.
Ich habe diese Frage heute auch mit Werner Große diskutiert, der an der TU Braunschweig Medienwissenschaft lehrt und bei den Wissenslogs über Wissenschaftskommunikation bloggt, wenn es sein Terminplan erlaubt. Große ist der Meinung, dass das Problem des Wissenschaftsjournalismus in seinem Verhältnis zur zugrunde liegenden Theorie liegt.
Es gibt ja unter Wissenschaftlern eine ganze Reihe von Thesen, weshalb über Wissenschaft so viel Falsches und Schlechtes geschrieben wird. Große vertritt die These, Kern des Problems sei die Geringschätzung der Theorie. Meine Vermutung, Journalisten fehle oft schlicht die Zeit für gute Recherche, weist Werner Große jedenfalls zurück. Welche grundlegenden Theorien für einen journalistischen Text relevant sind, sei innerhalb weniger Minuten herauszufinden.
Wenn ein Journalist über ein beliebiges nicht-wissenschaftliches Thema schreibt, dann ist es völlig selbstverständlich, sagt Große, dass er losgeht und sich über die theoretischen Grundlagen der Fragestellung informiert. Im Fall Amstetten zum Beispiel ginge der Journalist los und fragt einen Juristen, was das Gesetz zum Einsperren der eigenen Tochter zu sagen hat. Auf der Basis dieser grundlegenden Informationen schließt der Journalist dann, dass der Täter hier wohl nicht ungeschoren davonkommen wird.
"Grau, teurer Freund, ist alle Theorie..."
Diese "induktiv-deduktive" Methode, also der Rückgriff auf die übergeordneten Prinzipien zur Bewertung des konkreten Einzelfalles, ist für das Verständnis komplizierter Zusammenhänge unverzichtbar. In der Wissenschaftsberichterstattung findet diese Methode, so Werner Große, weitgehend nicht statt. Ursache dafür sei eine grundsätzliche Ablehnung der wissenschaftlichen Theorie als solche.
Anstelle zum Verständnis auf die allgemeinen Zusammenhänge zurückzugreifen, würden in der Wissenschaftsberichterstattung Phänomene einfach in Analogie zu anderen konkreten Beispielen gesetzt, ohne dass die verbindende Theorie verstanden worden sei. Und das führe zu den Missverständnissen und Fehlern, von denen die Wissenschaftsberichterstattung geplagt wird.
In seiner Vorlesung gibt er seinen Studenten folgende Ratschläge, das Problem zu umgehen:
Suchen Sie die umfangreichste und jüngste Theorie, die dieses Phänomen mit beinhaltet.
Suchen Sie den Kern dieser Theorie und verstehen Sie ihn.
Gehen Sie bei Ihren eigenen Erklärungen immer von diesem Kern aus!
Suchen Sie sich die Darstellung des Phänomens, die Ihnen persönlich gut gefällt und die Ihr Publikum am besten versteht.
Und damit hat er im Grunde Recht. Die meisten wissenschaftlichen Prinzipien sind in ihren Grundzügen sehr einfach zu verstehen, und wenn man sich darüber Gedanken gemacht hat, können sehr viele Missverständnisse einfach nicht mehr auftreten. Von allen Thesen, die ich bis jetzt zum Thema Wissenschaft in den Medien gehört habe, ist die hier die bei weitem plausibelste.
Fragebogen Wissenschaftsbloggen, gekürzt
Wie angekündigt folge ich her dem Beispiel Marcs und stelle den Wissenschaftsblog-Fragebogen und meine Antworten hier zur Verfügung. Aus Platzgründen habe ich den Kram allerdings brutal eingedampft.
Welche zentralen Herausforderungen sehen Sie in der Zukunft von wissenschaftlichen Blogs?
Die Herausforderung ist, die Wissenschaftler davon zu überzeugen, dass das deutschsprachige Publikum den Aufwand lohnt.
Dazu muss zuerst einmal die Reichweite massiv erhöht werden, Wissenschaftsbloggen ist in Deutschland derzeit ein reines Nischenphänomen. Deutsche Wissenschaftler sind, was Blogs angeht, meines Erachtens vor allem deswegen so zurückhaltend, weil sie nicht den Eindruck haben, dass Wissenschaftsblogs im deutschsprachigen Raum eine quantitativ relevante Kommunikationsschiene sind.Woran kann der Laie einen guten von einem schlechten Blog unterscheiden? Wird es die "Qualitäts"blogs geben? Muss es sie geben?
Qualität ist in der Blogosphäre notwendigerweise sehr personalisiert. Es muss also nicht nur so etwas wie ein Blogger-Peer-Review der Wissenschaftsblogger untereinander geben (Ansätze von so etwas entstehen jetzt gerade im Zusammenhang mit der deutschen BPR3-Seite), um die Qualität "nach innen" zu sichern, sondern auch "Leuchttürme" nach außen, also high-Profile-Blogger, die in der Öffentlichkeit als seriöse Wissenschaftsblogger anerkannt sind.
Als Leser von WiBlogs fällt oft die geringe Anzahl an Kommentaren auf. Woran kann das liegen? Ist Wissenschaft im Netz derzeit noch, oder sogar generell, unattraktiv?
Die Kommentarzahl ist kein wirklich geeigneter Maßstab für die Attraktivität von Wissenschaft im Netz. Es ist ganz natürlich, dass nicht jeder Leser eine Meinung zur Populationsgenetik der Wüstenspringmaus oder ähnlichen Spezialthemen hat. Wissenschaft im eigentlichen Sinne ist nun mal das kontinuierliche Abarbeiten eng umrissener Fragestellungen aus Nischenbereichen, von denen nur relativ wenige Leser genug verstehen um etwas dazu zu sagen. Sobald die Wissenschaftsthemen „sexy“, plakativ und alltagsnah sind, kommentieren auch viele Leute.
Welche Gründe könnte es geben, dass Leser sich so wenig an einem Dialog zu beteiligen, dessen Möglichkeiten zugleich bejubelt werden?
Zuerst einmal beteiligen sich bereits sehr viele Leute am Dialog mit bloggenden Wissenschaftlern. Die Resonanz ist natürlich sehr stark von Fachgebiet, Thema und Person abhängig; Stefan Rahmstorf (Klimatologie) hat natürlich um Größenordnungen mehr Kommentare als Mierk Schwabe (Plasmaphysik), um da mal zwei aktuelle Beispiele zu nennen.
Man darf außerdem nicht vergessen, dass die Möglichkeit zum direkten Dialog für beide Seiten noch sehr neu und ungewohnt ist. Erst wenn die bloggenden Doktoranden von heute bloggende Professoren sind, wird sich diese Form der Kommunikation wirklich etablieren. Es gibt hierzulande bereits Anzeichen für einen Wandel der wissenschaftlichen Kommunikationskultur, aber so was braucht Zeit.Für wen möchten Sie schreiben? Wenn Sie eine Zielgruppe haben, erreichen Sie sie?
Eines der Privilegien von Bloggern ist, sich um Zielgruppen keine Gedanken machen zu müssen. Ich schreibe über Dinge, die mich interessieren und beschäftigen, und das in einer Weise, die mir angemessen erscheint.
Für mich ist viel wichtiger, ob ein Beitrag zu dem Image passt, das mein Blog haben soll. Eine gute und seriöse „Marke“ ist auf die Dauer das entscheidende Kapital eines Wissenschaftsbloggers.
Wichtig ist mir allerdings, dass ich meinen überwiegend akademischen Lesern Einblicke in fremde Fachgebiete bieten kann. Heutzutage ist ja auch ein Wissenschaftler in den meisten Disziplinen Laie, und der Blick über den Tellerrand, die Gesamtschau, die fehlt auch vielen aktiven Forschern.In Ihrem Blog binden Sie oft Videos ein. Wie schätzen sie das Angebot an wissenschaftlichen Video- und Audio-Podcasts ein?
Es gibt schon ein paar nette Angebote, zum Beispiel den Braincast von Arvid Leyh oder auch das neue, sehr empfehlenswerte Science-TV von der DFG und natürlich die Wisskomm-Wochenschau. Allerdings kommt das Medium dem Thema Wissenschaft nicht besonders entgegen und tendiert immer so ein bisschen in Richtung Freakshow.
In der Blogszene gibt es Stimmen, dass der Plattform Blogs die Zukunft gehört - in der Öffentlichkeit werden Sie jedoch oft kaum wahrgenommen. Welche Gründe hat das? Wie kann man das - vor allem bei Wissenschaftlern - konkret ändern? Noch scheinen sich nur wenige Forscher im WWW zu tummeln. Macht eine Diskussion derzeit überhaupt Sinn, wenn sie nur wenige Beteiligte erreicht?
Klar erzählen einem Blogger gerne, dass ihnen die Zukunft gehört. Die gucken alle nach Amerika rüber, wo der Printjournalismus gerade ganz furchtbar kleingehackt wird, und träumen nachts davon, so berühmt und wichtig zu werden wie Arianna Huffington. Das sollte man vielleicht nicht ganz so ernst nehmen.[1]
Die Wahrnehmung in der „klassischen“ Öffentlichkeit ist für Blogs, zumal für Wissenschaftsblogs, allerdings vergleichsweise unbedeutend. Schließlich besetzen Blogs eine völlig andere Nische als Massenmedien und müssen auch keine Auflage verkaufen.[2]
Bei Wissenschaftlern ist das Problem vor allem, dass Forscher bereits ganz hervorragend übers Internet untereinander vernetzt sind und deswegen das Netzwerkpotentiale der Blogs erstmal nicht so arg dringend brauchen. Außerdem gibt es in Deutschland gerade bei der älteren Generation noch erhebliche Vorbehalte gegen Blogs.
Aber es gibt derzeit eine Reihe Aspekte, die dazu führen, dass sich Wissenschaftler in Deutschland in großem Umfang für Blogs zu interessieren beginnen.Die Anzahl der Teilnehmer an so einer direkten diskussion ist erstmal nicht so wichtig wie der Umstand, dass jetzt überhaupt eine solche Kommunikation stattfinden kann. Welche gesellschaftliche Bedeutung diese Kommunikation in letzter Konsequenz haben wird, kann man jetzt noch nicht absehen.
Zum Schluss noch eine Frage in eigener Sache: Wie sind Sie zum Bloggen gekommen?
Ich lese seit ein paar Jahren amerikanische Blogs, z.B. DailyKos. Als ich dann nach dem Diplom beschlossen habe, Journalist zu werden, dachte ich mir, dass so ein eigenes Outlet im Grunde ganz gutes Schreibtraining ist. Mehr war eigentlich nicht geplant. Der Erfolg kam etwas überraschend, um es mal vorsichtig auszudrücken.
Die Fragen stellte Laura Höflinger
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[1] Bei Golem.de wird allerdings berichtet, dass die EU irgendwelche Blogs gezielt fördern will, was zumindest für einen erheblichen Bedeutungszuwachs spräche. Ich bin gespannt.
[2] Benedikt hat neulich eine Übersicht erstellt, in der man sehen kann, dass die Online-Portale klassischer Printmedien zumindest von Tools und Aufmachung her immer Blog-ähnlicher werden. Außerdem hat Tobias mit dem Tool Alexa die Reichweiten etablierter Online-Medien mit denen von Blogs verglichen. Interessant sind solche Vergleiche schon, ich glaube aber nicht, dass Blogs an klassische journalistische Angeboten herankommen können und sollen.


...das spiegelt vollumfänglich auch meine Ansicht über das Wissenschaftsblogging.
Ich möchte, was Werner Große anbetrifft, sogar über das hinaus gehen, was ich hier lese, wobei ich anmerken muss, dass dies insbesondere meine wissenschaftlichen Herkunftsbereiche betrifft:
In den 80ern habe ich mein Erststudium gemacht. Damals waren die Wissenschaftsbereiche Psychologie und - man staune - auch die Pädagogik sehr viel empirischer ausgerichtet. Liest man aus dieser Zeit Lehrbücher, dann werden dort immer wieder wissenschaftstheoretische und forschungsmethodische Fragen zu veröffentlichten Studien angesprochen und diskutiert.
Konstruktivistische Ideen und die mangelnde Reichweite rein empirischer Forschungen haben zwischenzeitlich die Beachtung der Wissenschaftstheorie u. Foschungsmethodik in den Hintergrund gedrängt. Insofern denke ich, dass der Trend zur oberflächlichen, bei manchen WissBloggern und WissJournalisten sogar zur blablabla-Kultur tendierende Erörterung wissenschaftlicher Sachverhalte ein Stück weit auch den aktuellen Zeitgeist darüber widerspiegelt, wie wir mit "Wissenschaft" umgehen....
Was den Wissenschaftsjournalismus anbetrifft, welcher unter dem Diktat des Kommerzes steht, kann es gar nicht anders sein, dass hier und da auch die Qualität leiden muss.
Zunächst müssen Wissenschaftsjournalisten auch über Fachgebiete berichten, deren theoretische Hintergründe ihnen unbekannt sind. Hinzu kommt der hohe Zeitdruck, welcher dann oft notwendige, weiter gehende Recherche nicht erlaubt.
Aber auch viele Studien - auch hier kann ich nur über die mir bekannten Fachgebiete sprechen - vernachlässigen selbst bei ihrer Veröffentlichung eine forschungsmethodische Erläuterung anhand welcher überhaupt überprüft werden kann, inwiefern Interpretationen der Studienautoren tatsächlich ihren Ergebnissen entsprechen....
Zum Bloggen selbst
"Für mich ist viel wichtiger, ob ein Beitrag zu dem Image passt, das mein Blog haben soll. Eine gute und seriöse „Marke“ ist auf die Dauer das entscheidende Kapital eines Wissenschaftsbloggers."
Ja! Wobei m.E. die "Marke" auf Dauer nur entstehen oder bestehen kann, wenn eigene, originäre Beiträge gepostet werden, welche aus den Bereichen der persönlichen Wissenschaftskompetenzen stammen. Die große Nachrichtenflut, welche das zunehmende Bloggen verursacht, verliert an Übersichtlichkeit, wenn sich Feeds mit Sammelnachrichten aus anderen Blogs füllen. Anders sieht es aus, wenn eine "Nachbetrachtung" aus dem Blickwinkel der eigenen Wissenschaftsdisziplin vorgenommen wird.
"... ein eigenes Outlet im Grunde ganz gutes Schreibtraining ist. Mehr war eigentlich nicht geplant.
Die Frage des "Schreibtrainings" und die "Suche" nach einer "moderneren" Form des Schreibens über Wissenschaft stand auch bei mir im Vordergrund(das universitäre Schreiben ist für interessierte Leser ja oft zu trocken oder unverständlich und langweilig).