ResearchBlogging.orgDer Gallup-Test, den gerade einige Forscher erfolgreich mit Elstern durchgeführt haben, ist einer der spannenderen Tricks der Verhaltensforschung. Man malt einem Tier heimlich einen Punkt ins Gesicht und setzt es dann vor einen Spiegel. Wenn das Tier dann versucht, die Farbe im Gesicht zu entfernen, dann zeigt das: Voilá, dieses Tier muss zumindest ein rudimentäres Ich- beziehungsweise Selbst-Bewusstsein haben.

Damit gehört es zu einer kleinen Elite im Tierreich, die zumindest ansatzweise jene kognitiven Fähigkeiten zeigt, auf die wir Überprimaten zu Recht so stolz sind.

Das Interessante hier ist allerdings nicht, dass einige der Elstern den Test bestanden haben. Dass Vögel schlau sind, ist ja nichts neues. Spannender ist, dass ein Teil der Versuchstiere anders reagiert hat.

Die Forscher haben fünf Elstern mit den Namen Gerti, Schatzi, Goldie, Lilly und Harvey auf ihre Versuchsanordnung losgelassen. Die ersten drei haben es relativ schnell kapiert und sich einen lustigen Tag mit ihrem eigenen Spiegelbild gemacht. Zum Beispiel Gerti:

10.1371_journal.pbio.0060202.sv003

Süß, oder? Zwei Vögel jedoch haben anders reagiert. Sie haben den Spiegel, wenn möglich gemieden und Harvey hat ihn in späteren Versuchen sogar angegriffen, wie man hier sieht:

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Normalerweise würde man das dahingehend interpretieren, dass dieses Tier die Sache mit dem Spiegel schlicht nicht kapiert hat. Das kann man hier aber nicht so einfach folgern, denn bei dem Ich-Bewusstsein handelt es sich um eine komplexe geistige Eigenschaft, die nicht mal eben bei einem Individuum auftaucht und beim anderen zufällig nicht.
Das Verhalten von Harvey erwies sich außerdem als wesentlich komplexer war als eine bloße Reaktion auf die Anwesenheit eines vermeintlichen Artgenossen.

On several trials, Harvey also picked up little, but conspicuous, objects and posed, accompanied by wing-flipping, in front of the mirror holding the objects in the beak. This courtship-like behavior vanished after a few trials, and was never seen on later tests, which were characterized by aggressive displays.

Zu Beginn, schreiben die Forscher, habe das Tier sogar mit Objekten im Schnabel vor dem Spiegel posiert. Das Verhalten sei Paarungsverhalten, also einer Reaktion auf einen Artgenossen, ähnlich gewesen. Wundert mich gar nicht. Posieren gehört zwar zur Paarung dazu, soll aber bei gewissen Primaten durchaus auch in der Nähe von Spiegeln auftreten.

Deswegen würde ich vermuten, dass tatsächlich alle am Versuch beteiligten Elstern die Sache mit dem Spiegel kapiert haben. Einigen war die Sache allerdings offenbar eher unheimlich.

Jedenfalls lehrt diese kleine Episode, dass auch Tiere Individuen sind und ihr Verhalten auch unter ähnlichen Bedingungen sehr unterschiedliche Formen annehmen kann. Und deswegen sollte man auch sehr vorsichtig sein, wenn man versucht, aus den Ergebnissen des Gallup-Tests (an ganzen zwei Elstern übrigens. Zwei!) oder anderer Versuche auf die kognitiven Fähigkeiten ganzer Arten rückzuschließen.

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Helmut Prior, Ariane Schwarz, Onur Güntürkün, Frans de Waal (2008). Mirror-Induced Behavior in the Magpie (Pica pica): Evidence of Self-Recognition PLoS Biology, 6 (8) DOI: 10.1371/journal.pbio.0060202