ResearchBlogging.orgMein Arm, Meine Hand, meine Haut – die eigenen Körperteile sind integrale Bestandteile des Selbst. Diese Vorstellung ist so fest in unserer Alltagserfahrung verankert, dass wir uns nur selten fragen, woher wir eigentlich so genau wissen, was zu uns gehört und was nicht.

Das ist keineswegs eine rein philosophische Frage: Es gibt nicht nur neurologische Krankheitsbilder wie Asomatognosie, bei denen die Patienten nicht mehr wissen, was zu ihnen gehört und was nicht, man kann auch völlig gesunden Probanden vorgaukeln, dass eine vor ihnen liegende Gummihand Teil ihres Körpers sei. Die entsprechenden Experimente des schwedischen Neurowissenschaftlers Henrick Ehrsson aus dem Jahr 2004 sind inzwischen berühmt.

Dabei hat er es aber nicht belassen: In seinen neuesten Experimenten gelang es ihm, das Selbst-Bewusstsein seiner Probanden für kurze Zeit in einen anderen Körper zu transferieren

Schon in den letzten Jahren haben er und andere Forscher das Selbst von Probanden für kurze Zeit aus dem Körper heraustransferiert, mit vergleichsweise einfachen Mitteln. Die jetzt in PLoS publizierten Ergebnisse sind im Grunde nur die logische Fortsetzung solcher Experimente.

Wie schon im ursprünglichen Gummihand-Versuch überlistet Ehrsson das Gehirn, indem er eine – gefälschte – optische Wahrnehmung der eigenen Position durch einen Berührungsreiz festigt: Die unsichtbare echte Hand wird gleichzeitig wie die vor einem liegenden Gummihand an der selben Stelle berührt. Das plötzliche Zusammentreffen des sensorischen Reizes mit dem Augenschein der Berührung kann kein Zufall sein, denkt das Gehirn und adoptiert sofort, entgegen aller anderen Information, die Attrappe.

Außerkörperliche Erfahrungen
In Ehrssons neueren Experimenten haben die Probanden eine Videobrille auf, die Bilder von beliebigen Orten überträgt. Zum Beispiel vom Kopf einer Schaufensterpuppe, die sich selbst auf den Bauch schaut. Berührt der Forscher gleichzeitig die Puppe und den Probanden am Bauch, sieht letzterer die Berührung, die er fühlt, am Bauch der Puppe – und prompt ist er die Puppe. Zumindest für kurze Zeit.

Wie fest diese automatische Selbst-Verortung verdrahtet ist, zeigt das Körpertausch-Experiment: Der Proband steht einem Experimentator gegenüber und gibt diesem die Hand – während er eine Spezialbrille trägt, die ihm das Blickfeld des anderen präsentiert. Im Grunde genau wie das letzte Experiment, nur dass beide Partner hier aktiv miteinander interagieren, und zwar über Händedrücke.

Man sollte meinen, dass eigenes Handeln, und sei es nur eine kurze bewusste Muskelanspannung, das Selbst fest im handelnden Körper verankert, egal was die Augen sagen. Zumal man ja ganz genau weiß, dass man nur eine Brille auf hat. Das spielte jedoch keine Rolle. Drücken beide gleichzeitig, findet sich der Proband sofort im Körper des Experimentators wieder:

It is noteworthy that, after the experiment, several of the participants spontaneously remarked: "Your arm felt like it was my arm, and I was behind it", "I felt that my real/own body was someone else” or "I was shaking hands with myself!"

Die Forscher haben sich natürlich nicht auf die Aussagen der Probanden verlassen, sondern maßen in diesen Versuchen unter anderem die Leitfähigkeit der Haut, ein unbewusster Indikator für Stress. Hält man in so einem Tauschexperiment dem Experimentator ein Messer an die Hand, ist die Reaktion des Probanden deutlich stärker, als wenn seine eigene Hand bedroht ist. Es handelt sich also um mehr als eine herkömmliche Illusion. Was hier verschoben wird ist das, was wir ganz fundamental als Selbst empfinden.

Ein Mensch muss es schon sein
Der Trick funktioniert allerdingsnur mit einer optischen Wahrnehmung aus der Perspektive der ersten Person, und auch nur mit einem menschlichen Körper. In Kisten, Stühle oder Schränke ungeputzter Brillen kann man sich auf diese Weise nicht hineinversetzen, jedenfalls nicht ohne Unterstützung durch diverse psychoaktive Substanzen. In einen Körper des anderen Geschlechts dafür aber sehr wohl.

Auch der praktische Nutzen eines solchen Austausches ist eher gering. Um einmal Brad Pitt zu sein, müsste man den Herrn schon zum Tragen eines Kamerahelmes verpflichten. Und selbst wenn man sich dann völlig sicher ist, im gewünschten Körper zu stecken, die jungen Damen werden sich davon eher nicht täuschen lassen, vermute ich.

Was haben wir also davon? Die Autoren zitieren natürlich ein paar spannende medizinische und technische Anwendungen in ihrem Paper, aber das ist kaum mehr als eine Formalität. Die bleibende Botschaft ist vielmehr: Das Selbst ist keine Konstante. Wer ich bin, wo ich mich befinde und in welchem Verhältnis ich mich zu meiner Umwelt befinde, wird vom Gehirn in jedem Moment aufs Neue zusammengesetzt. Wir sind allesamt extrem dynamische und vergängliche Konstrukte, und wenn etwas schief geht, ein Schlaganfall, Alzheimer, ein traumatisches Erlebnis oder was auch immer diesen Prozess einschränkt oder verändert, dann werden wir nie wieder sein, was wir sind.

Seid ihr selbst, so lange ihr könnt. Das ist wahrscheinlich kürzer als ihr denkt.

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(Gefunden bei Neurophilosophy)

Valeria I. Petkova, H. Henrik Ehrsson (2008). If I Were You: Perceptual Illusion of Body Swapping PLoS ONE, 3 (12) DOI: 10.1371/journal.pone.0003832